(K)eine typische Gender- geschichte

Im Porträt. Männer machen Technik, Frauen Geisteswissenschaften. Auch Michaela Pum hielt sich an ihre Geschlechterrolle. Jedenfalls bis ein paar Katzen und Mäuse ins Spiel kamen.

Text: Renate Süß

Fotos: Philipp Tomsich

Michaela Pums Karriere in der IT begann mit einem Geschenk zu ihrem 30. Geburtstag – keinem Computer, sondern einem Legespiel mit Katzen und Mäusen. Neun Karten, die sie nicht so ordnen konnte, wie die Spielre- geln es verlangten, dass also nur Katzen oder nur Mäuse einander gegen- überstehen. Auch der dritte, vierte, fünfte Versuch brachte keinen Erfolg. „Das muss man programmieren“, sagte ihr damaliger Freund und heutiger Ehemann. Als technischer Physiker hatte er auf der Uni die Programmier- sprache Fortran gelernt. „Ich hatte von Programmierung keine Ahnung. Trotzdem konnte ich einiges von dem, was Wolfgang da tat, nachvollzie- hen. Und es gefiel mir!“, erinnert sich Michaela.


Schnell ein Job

Also schrieb sie sich in einen Programmierkurs am WIFI ein. „Das war eine tolle Ausbildung, sehr praxisbezogen.“ Nach zwei Jahren hatte sie nicht nur ein Zertifikat in der Tasche, sondern einen Arbeitsplatz gleich mit dazu. Der Vortragende, Paul Tavolato, engagierte sie vom Fleck weg für seine Firma. Bei Mühlehner & Tavolato arbeitet sie bis heute.


Nicht ganz branchenüblich

Etwa ein Viertel ihrer Arbeitszeit verbringt Michaela als Trainerin in Pro- grammierkursen. Aber auch ihren Büroalltag als Developerin empfindet sie nie als Routine. „Meine Arbeit ist anders als in der Branche üblich“, sagt sie. „Meist trägt man nur eine Teilverantwortung für große Projekte. Unsere Projekte hingegen sind kleiner, dafür aber sehr individuell.“ Als Beispiel nennt Pum ein altes Warenwirtschaftssystem, das nicht mehr un- terstützt wird. „Wir schreiben dann eine neue Applikation, die sich in der Anwendung ähnlich der alten verhält, aber übersichtlicher und leichter wartbar ist. Ich erarbeite mit den Kunden die Spezifikationen, erstelle An- gebote, programmiere, schule ein, schreibe das Handbuch. Dass der kom- plette Ablauf in meiner Hand liegt, ist für mich befriedigend!“ Meist pro- grammiert Pum mit Java und C#, ganz selten mit C++.


Das einzige Mädchen

In der Schule wurde Michaelas mathematisch-analytische Begabung we- der erkannt noch gefördert. „Ich wurde auf ein neusprachliches Gymnasi- um geschickt. Über die Schulwahl hat man nicht lange nachgedacht.“ Nach der Matura spielte sie kurz mit dem Gedanken, an der TU zu studieren. „Eine Hürde war sicher, dass ich im Vergleich zu Realgymnasiasten Defizi- te in Mathematik hatte, die andere: Ich wäre das einzige Mädchen in mei- nem Umfeld gewesen, das so etwas macht. Mein Werdegang ist eine typi- sche Gendergeschichte – ich habe es mir nicht zugetraut.“ Stattdessen studierte sie Spanisch und Ethnologie, wollte Entwicklungshelferin wer- den. „Gesellschaftspolitische Anliegen interessieren mich auch heute noch“, sagt sie. „Ich bin Feministin, auch wenn ich das nicht ständig vor mir hertrage!“ Als Frau in der Männerwelt zu bestehen gefällt ihr. „Man ist etwas Besonderes. Und ich schwimme gern gegen den Strom.“


„Mach es!“

… rät sie Mädchen mit mathematischem Talent zu einer IT-Ausbildung. „Die Arbeit ist spannend, der Bedarf am Arbeitsmarkt hoch.“ Dass sie tat- sächlich bald viele junge Kolleginnen bekommt, glaubt Michaela Pum aber nicht: „Die tradierten Geschlechterrollen – Männer machen Technik, Frau- en Geisteswissenschaften – werden durch Serien und Smartphones sogar verfestigt. Siri und Alexa sind werkseitig weiblich vorkonfiguriert, Frauen sind in diesem Bild Ausführerinnen, nicht Entwicklerinnen.“

Michaela Pum entwickelt für Unternehmen maßgeschneiderte Software und unterrichtet Java und C# für die Firma Mühlehner & Tavolato.

Ein gefinkeltes Legespiel kann der Impuls zu einer neuen Karriere sein.