Foto: picturedesk.com/mptv

Bonnie Barstow, legendäre K. I. T. T.- Chefmechanikerin, wurde in der zweiten Staffel durch April Curtis ersetzt und tauchte nach Fanprotesten ab der dritten Staffel wieder auf.

unter der Motorhaube

Hirnschmalz

Techzone Auto. Der Konkurrenzkampf um die besten IT-Köpfe ist in der Auto- mobilbranche längst entbrannt. Inzwi- schen ist der Mangel an Experten schon so groß, dass die Fahrzeugher- steller selbst beginnen, Softwareent- wickler auszubilden.

Text: Josef Puschitz

Ein bisschen muss sich David Hasselhoff schon eingestehen, eine ganze Generation geschädigt zu haben: Die, die in Kinder- und Jugendjahren vor dem Fernseher mit „Knight Rider“ aufgewachsen sind, haben ein zumin- dest überzogenes Bild davon mitgenommen, was Autos in den 80ern und danach können sollten. „K. I. T. T.“ konnte eigenständig fahren, wusste über allerlei Wegstrecken und Abkürzungen Bescheid und konnte sogar mit seinem Fahrer kommunizieren – auch wenn seine Oberg’scheidheit mitunter genervt hat. Aus technischer Sicht in Zeiten vor dem ersten Han- dy völlig undenkbar.


Fast forward in die Gegenwart: Aus den meisten Kindern, die wie Michael Knight werden wollten, ist irgendwas geworden. Aber einige, für die schon damals die wahren Heldinnen die Chefmechanikerinnen der TV-Serie, Bonnie Barstow und April Curtis, waren, werkeln aktuell daran, das super- schlaue Auto zur Realität zu machen. Alle großen Automobilunternehmen haben sich der Entwicklung des autonomen, vernetzten und elektrischen Fahrens verschrieben. Im Zentrum stehen dabei jedoch nicht mehr die „Chefmechaniker“, sondern die IT-Spezialisten. Aber auch abseits vom selbstfahrenden Heiligen Gral der Branche steckt schon jetzt mehr Soft- ware und IT-Know-how in den Autos, als sich Bonnie und April je hätten erträumen lassen. Dementsprechend hoch ist auch der Bedarf an Soft- ware-Entwicklern in der Automobilbranche.


„Wir suchen derzeit vor allem Expertinnen und Experten in den Bereichen Data Analytics/Data Science, IT-Security und Software-Entwicklung“, sagt Hansjörg Tutner, Global Director Human Resources bei Magna Steyr. Der globale Automobilhersteller mit einer weltweiten Mitarbeiteranzahl von 13.700 fertigt Autos für BMW, Jaguar und Toyota. Im Werk in Graz rollt seit dem Vorjahr der BMW Z4 vom Band, der es nicht nur ordentlich unter der Motorhaube, sondern auch auf der Platine hat: Fahrerassistenzsysteme, aktive Geschwindigkeitsregelung, Spurwechsel- und Spurverlassenswar- nung, adaptive LED-Scheinwerfer – jede Funktion des Autos hat enormen softwaretechnischen Aufwand im Hintergrund. Schon heute ist der Anteil von Programmierern bei der Entwicklung eines Autos höher als die der klassischen Fahrzeugingenieure.


Die Themen, mit denen sich IT-Leute bei Magna Steyr beschäftigen, sind vielfältig: „Zum einen geht es um Big Data, dazu gehören Data Integration oder Stream Analytics zur Echtzeitverarbeitung von Massendaten aus der Fertigung. Viel Wissen fließt aber auch in die Echtzeitverarbeitung von un- ternehmerischen Prozess- und Kennzahlen und Mixed beziehungsweise Augmented Reality in der Produktion“, sagt Tutner. In den Magna-Steyr- Werken werden digitale Informationen wie CAD- oder Anlagen-Daten in die reale Umgebung projiziert – via Tablet oder Smartglasses. Auch dafür müssen die notwendigen Plattformen programmiert werden, eine große Aufgabe für das IT-Personal. Genug zu tun also, so viel, dass man oft auf Hilfe von außen zugreifen muss: „Wir haben zwar einen soliden Stamm an Entwicklern, decken aber zusätzlichen projektspezifischen Bedarf mit ex- ternen Partnern ab“, sagt Tutner.


IT-Talentschmiede Autobranche

Der HR-Chef macht keinen Hehl daraus, dass der Konkurrenzkampf um die besten IT-Köpfe längst entbrannt ist. Zwar sei die Ausbildungssituati- on in Österreich eine gute, dennoch müsse sich das Unternehmen an- strengen, um für das Magna-IT-Team in Graz im Einzugsgebiet, das von der Obersteiermark über Ungarn bis nach Slowenien reicht, genügend Fachkräfte zu finden. „Die Herausforderung liegt darin, dass viele andere Unternehmen auch gute Leute im IT-Umfeld suchen“, bringt Tutner die an- gespannte Situation auf den Punkt. Magna Steyr nimmt die Ausbildung daher selbst in die Hand – und bildet Systemtechnik-Lehrlinge aus oder ermöglicht IT-Studierenden, Job und Studium miteinander zu verbinden. Über weitere IT-Lehrberufe werde bereits nachgedacht, so der Global Di- rector für Human Resources.


In Deutschland ist man schon einen Schritt weiter. Vier Milliarden Euro nimmt etwa der Volkswagen-Konzern in die Hand, um die Digitalisierung im Unternehmen voranzutreiben. Sowohl Verwaltung als auch Produktion sollen auf Vordermann gebracht werden, 2.000 neue Arbeitsplätze ent- stehen. Das Potenzial für IT-Spezialisten ist enorm, allein von den Investi- tionen in Industrie 4.0 verspricht sich VW einen Produktivitätsfortschritt von fünf Prozent pro Jahr bis 2023. Klar, dass es dafür einiges an Hirn- schmalz brauchen wird, der nicht allein vom deutschen Bildungssystem erbracht werden kann, wie es scheint. Schon 2002 gründete VW daher in Wolfsburg die „Auto-Uni“. Ursprünglich als akademische Weiterbildungs- stätte für das Konzernpersonal gedacht, entwickelte sich die Institution zur Forschungseinrichtung mit Doktorandenprogramm.


Die „Fakultät 73“, die heuer mit April an der Auto-Uni an den Start ging, ist eine direkte Reaktion auf den beachtlichen Bedarf an IT-Wissen in der Au- toindustrie. Das Programm soll Teilnehmer in zwei Jahren fit für den Beruf als Software-Entwickler für die Fahrzeugherstellung machen. Das Curricu- lum spiegelt die heißen Eisen wider, die in der Branche gerade am drin- gendsten benötigt werden: Programmieren in Java & Mathematik für Soft- wareentwickler, Grundlagen technischer und theoretischer Informatik & Englisch für Softwareentwickler, Projekt- und Zeitmanagement & Compu- ternetze, Datenbanken, Echtzeitdatenverarbeitung, Mobile-App-Program- mierung sowie Qualifizierungsprojekte in der Praxis lauten die Themen, die an die internen und externen Studierenden vermittelt werden sollen. Das Interesse an dem Ausbildungsprogramm war enorm: Für den ersten Jahrgang mit 100 Plätzen bewarben sich über 1.500 Personen. Ein weite- rer Jahrgang 2020 ist bereits avisiert.


Beschäftigen werden sich die Studierenden mit aktuell heiß begehrten Programmiersprachen wie C++, Java, C, Embedded oder Python. „Experten für die Themen Security, Cyber Security und Car Security, aber auch Cloud Services, Automotive Cloud, Industrial Cloud und SAP-Cloud insbesondere im Bereich S/4 HANA sind besonders gefragt“, sagt Markus Schlesag, HR- Sprecher des Volkswagenkonzerns. Allein in der IT-Sparte des Autoher- stellers arbeiten weltweit rund 12.000 Mitarbeiter. „Langsam spricht sich herum, dass Automobilhersteller wie Volkswagen auch für IT-Fachkräfte topattraktiv sind“, sagt Schlesag. Nachsatz: „So lange wollen wir nicht warten.“ Die Bonnies und Aprils der Gegenwart sollten das auch nicht.

Foto: Magna Steyr

Hansjörg Tutner, Global Director Human Resources bei Magna Steyr

Foto: Volkswagen 2019

In der „Fakultät 73“ bildet Volkswagen künftig Hunderte von Software-Entwicklern aus.

„Langsam spricht sich herum, dass Automobilhersteller wie Volkswagen auch für IT-Fachkräfte topattraktiv sind.“