Fotos: Stefan Diesner

Nur nicht beirren lassen

Mit ihrem Job in der Atomenergiebehörde hat sich Rina Ahmed einen Kindheitstraum erfüllt.

Im Interview. Als Technical Evangelist begeisterte Rina Ahmed andere Developer für die neuesten Microsoft-Technologien. Heute ist sie Systems Analyst in der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Über Hürden auf dem Weg in die IT und wie man sie bewältigt ...

Text: Greta Lun

Wann haben Sie gewusst, dass Sie in der IT arbeiten wollen?

Ahmed: Das war erst nach der Matura und eher aus prag- matischen Gründen. Viele Studienrichtungen haben mich interessiert, aber die IT fand ich mit ihrer Jobsicherheit einfach zukunftsweisend. Mein ursprünglicher Plan war, Physik zu studieren – schon als Kind wollte ich wie mein Vater in der IAEO arbeiten. Aber es ist schwierig, da rein- zukommen. Also habe ich mich für Wirtschaftsinformatik entschieden, damals interuniversitär an TU Wien und Hauptuni. Nach der Handelsakademie hatte ich keine Pro- grammiererfahrung. Aber ich habe daran geglaubt, dass ich alles schaffen kann. Die größte Hürde war Mathe im ersten Semester. Ich habe mir sieben Fachbücher gekauft und ein Semester lang jedes Wochenende Mathe gelernt. Und dann ging auch das.


Sie waren mehrere Jahre bei Microsoft tätig. War das Ihr erster Job?

Nein, nach dem Studium war ich zwei Jahre bei der UNIDO, der UN-Organisation für industrielle Entwicklung. Danach gibt es einen dreijährigen Gap in meinem Lebenslauf, weil ich in den USA geheiratet und meine Tochter zur Welt gebracht habe. Zurück in Wien habe ich bei Microsoft begonnen – ein großer Traum von mir.


Was macht ein Technical Evangelist?

Ein Evangelist verkündet die frohe Botschaft, in der IT also die technische frohe Botschaft. Es geht darum, seine Leidenschaft für bestimmte Technologien weiterzugeben. Ich habe gleich gewusst: Das ist meine Stelle! Denn das habe ich schon auf der Uni gemacht. Ich war zuerst für Windows Phone, dann für die Windows Store Apps und Cloud-Anwendungen zuständig. In meinem letzten Jahr wurde ich Software Engineer im internationalen Microsoft Team und habe an KI- und Machine-Learning-Lösungen gearbeitet, etwa für Bots.


Welchem Publikum haben Sie die Programme erklärt?

Fast alle Talks waren vor Developern, aber unterschiedli- cher Kaliber: Start-ups, Studenten, IT-ler aus dem öffentli- chen Bereich, Großkonzernen, KMU und auch Hobby- Developer. Meine Vorträge waren sehr technisch. Andere Rollen bei Microsoft bedienen Zielgruppen der IT, die weniger technisch orientiert sind.


Welche Programmiersprachen beherrschen Sie?

Auf der Uni habe ich mit C++ begonnen, später viel mit Java programmiert. Meine KI- und Machine-Learning- Phase war sehr Python-lastig. Die Sprache ist aber gar nicht so wichtig, denn die kann sich mit dem nächsten Kunden oder Job ändern. Man muss die Prinzipien verstehen.


Mittlerweile arbeiten Sie bei der IAEO. Was sind Ihre Aufgaben?

Ich bin Technical Lead einer Softwareapplikation für Siche- rungsmaßnahmen (Safeguards). Unter einem sogenann- ten Comprehensive Safeguards Agreement verpflichtet sich ein Staat, Kernwissenschaft und -technik nur für fried- liche Zwecke einzusetzen. Mein Team zählt etwa 20 Mitar- beiter, die gesamte IT der IAEO ist allerdings wesentlich größer.


Inwieweit nützen Ihnen die bei Microsoft aufgebauten Skills im jetzigen Job?

Bei Microsoft ist alles Cloud-basiert, hier gilt hingegen eine strikte No-Cloud-Policy. Dafür konnte ich meine Program- mier-Skills weiter vertiefen und bin stärker in der Entwick- lerrolle, vor allem im Web-Development und im Projektma- nagement nach Scrum.


Hat es Sie nie gereizt, in einem kleinen Unternehmen zu arbeiten?

Die Unternehmensgröße ist für mich nicht entscheidend, sondern die Diversität. Ich bin in Österreich geboren und aufgewachsen, fühle mich aber in einer Umgebung wohl, wo Menschen mit vielen verschiedenen Backgrounds ar- beiten. Die Firmenkultur bei Microsoft ist in dieser Hinsicht jener in der UNO ähnlich: Es ist ein offenes, multikulturel- les Umfeld, was mich begeistert. Homogene Teams ziehen vielleicht mehr an einem Strang, aber ich bin überzeugt, dass die Diversität Teams erfolgreicher macht.


Es gibt wenige Developerinnen. Ist es Ihnen ein Anliegen, diesen Beruf anderen Frauen näherzubringen?

Auf jeden Fall! Während meines Studiums gab es 25 bis 30 Prozent Frauen. Und als ich dann begonnen habe, Vorträge für Developer zu halten, war ich schockiert, dass das alles Männer waren. Wo sind die Frauen, mit denen ich studiert hab? Da muss etwas passieren! Wir haben Hackathons für Studentinnen organisiert, damit sie auf den Geschmack kommen. Man muss Frauen ermutigen und motivieren. In der IT bleiben eher die, die das unbe- dingt wollen.


Warum gibt es so wenige Frauen in der IT?

Das ist die große Frage! Das IT-Umfeld wurde von Män- nern geschaffen, nach ihren Regeln, die niemand hinter- fragt. Deshalb müssen Frauen wirklich dahinter sein und sollten sich auch nicht beirren lassen. Wir können alles schaffen und unser Ziel Schritt für Schritt erreichen.

„Ich habe immer daran geglaubt, dass ich alles schaffen kann.“

Fotos: Stefan Diesner