Der digitale Urknall

Ein wahrer Boost.

In acht Corona-Monaten wurde so viel digitalisiert wie sonst in zehn Jahren. Daher sehen sich zahlreiche IT-Unternehmen als Gewinner der Krise.

Text: Gerhard Mészáros

Impulse für digitale Kanäle: Die IT-Branche profitiert weitgehend von den Auswirkungen der Krise.

Foto: Getty Images/Jonathan Kitchen

Bearbeitet: Reinhard Lang

Die Coronakrise hat die gesamte Wirtschaft in ein Tal der Tränen gesto- ßen. Die gesamte Wirtschaft? Nein, ein Teil von ihr scheint sogar profitiert zu haben – nämlich die IT-Branche. Der Videokonferenz-Anbieter Zoom hat seinen Umsatz mehr als vervierfacht, Netflix 16 Millionen neue Kunden gewonnen, Amazon seinen Gewinn verdoppelt. Bei dieser Liste fällt jedoch auf: Es handelt sich um Erfolgsmeldungen von US-amerikani- schen, global tätigen Tech-Unternehmen. In der heimischen Szene fällt die Bilanz durchwachsener aus. Der Verband Österreichischer Software Industrie schätzte Anfang Mai, dass fast jeder dritte IT- und Telekommu- nikationsbetrieb aufgrund des Lockdowns weniger Umsatz machte. Viele waren sogar gezwungen, Kurzarbeit anzumelden. Doch auch hierzulande gibt es eindeutige Krisengewinner. Und bestimmte IT-Kompetenzen bieten größere Zukunftschancen denn je zuvor.


„Turbo-Boost“ für E-Commerce

„Der Lockdown war natürlich auch für die IT-Branche ein Schock“, sagt Robert Koenes, Geschäftsführer für IT-Recruiting beim Personalberater Iventa. „Viele Projekte wurden gestoppt. Aber etwa seit Juni gibt es eine massive Gegenbewegung. Die Unternehmen haben angefangen, verstärkt in ihre IT zu investieren, um nicht aufgrund veralteter Systeme noch mehr Geschäft zu verlieren.“ So habe etwa der Handel massiv Geld in die Hand genommen, um mit der Flut an Onlinebestellungen fertig zu werden. Tatsächlich war die Pandemie ein „Turbo-Boost für den heimischen E- Commerce“, sagt Handelsverband-Geschäftsführer Rainer Will. Davon haben auch IT-Dienstleister profitiert, viele Händler hätten in ihren Web- shop investiert. „In den letzten Monaten wurde Corona-bedingt so viel digitalisiert wie normalerweise in zehn Jahren“, sagt Will. „Das gilt vor allem für Mobile Commerce, also Smartphone-Shopping. Es war ein digi- taler Urknall für uns.“


Hoher Zuwachs im März und April

Als „klaren Profiteur der Coronakrise“ sieht sich auch das Systemhaus S.&.T aus Linz, das unter anderem in Deutschland und im CEE-Raum jähr- lich über eine Milliarde Euro erwirtschaftet. „Im IT-Service-Segment ma- chen wir heuer um 10 bis 20 Prozent mehr Geschäft, im März und April war der Zuwachs noch deutlich höher“, sagt Finanzvorstand Richard Neuwirth. Das lag vor allem an der raschen Umstellung auf Homeoffice, die durch den Lockdown flächendeckend notwendig wurde. Auch wenn Lösungen von globalen Giganten wie Microsoft oder Zoom genutzt werden, müssen diese doch in die bestehenden Systeme integriert wer- den – da herrschte viel Beratungsbedarf. „Außerdem war Netzwerksicher- heit ein großes Thema“, erklärt Neuwirth. „Online-Attacken von Hackern haben aufgrund der virtuellen Zusammenarbeit in den vergangenen Monaten stark zugenommen.“


War das nur ein kurzfristiger Homeoffice-Effekt? „Nein, die Digitalisierung wurde auch längerfristig befeuert“, glaubt der S & T-Manager. „Jetzt wurde mal die Art der Zusammenarbeit umgestellt, und es hat sich ge- zeigt, dass das gut funktioniert. Es gibt aber viele weitere Geschäftspro- zesse, die erst digitalisiert werden müssen.“ Corona habe quasi gute Stimmung für weitere Vorhaben geschaffen. Vor allem in der industriellen Automatisierung sieht er großes Potenzial. Die Coronakrise habe den Unternehmen vor Augen geführt, dass sie zu abhängig von asiatischen Lieferanten sind. Daher wollen viele wieder verstärkt hierzulande produ- zieren. „Dafür muss aber aus Kostengründen der Automatisierungsgrad deutlich angehoben werden. Hier werden IT-Fachkräfte händeringend gesucht.“


In einem weiteren Geschäftsbereich erwartet S & T heuer sogar Zuwächse von bis zu 50 Prozent, großteils ebenfalls Corona-bedingt: in der Medizintechnik. Eine Tochterfirma entwickelt Steuerungssoftware für Beatmungsmaschinen und Monitoringsysteme, die auf Intensivstationen eingesetzt werden. „Auch hier gab es nicht nur kurzfristigen Zusatzbe- darf“, so Neuwirth. „Produkte der Medizintechnik sind generell mehr in den Fokus gerückt, weil klar wurde, dass auch die entwickelten Länder im Gesundheitsbereich zuletzt viel gespart haben.“


Gesucht: Cloud- und Security-Experten

Der Umstieg auf virtuelles Teamwork, das rasche Entwickeln neuer, mobi- ler Softwarelösungen, die gesamte Digitalisierung, die die vergangenen Monate quer durch alle Branchen stattgefunden hat – dies hat zu einem Boom vor allem eines weiteren Themas geführt: „Moderne IT-Lösungen funktionieren nur mit einer Cloud-Infrastruktur im Hintergrund“, betont Michael Schirmbrand, Partner im IT Advisory bei KPMG. Das eigene Rechenzentrum verliert also an Bedeutung, während Speicherplatz, Rechenleistung und Anwendungen immer öfter zum Beispiel über das Internet bezogen werden. Das ermöglicht flexibleres, agileres Arbeiten. „Die Aufgabe der Cloud-Transformation hat durch die Coronakrise noch mal an Dringlichkeit zugenommen“, bestätigt Personalberater Koenes. Auch hier gilt: Während die eigentlichen Cloud-Services vorwiegend von globalen Riesen kommen – von Amazons AWS über Microsoft bis zu SAP.–, profitieren auch österreichische Betriebe von diesem Trend. „Auch wenn es sich bei den Anbietern überwiegend um ausländische Provider handelt, unterstützen bei der Umsetzung für gewöhnlich mittelgroße lokale Dienstleister.“ Entsprechend rosig sind die Karriereperspektiven: „Österreich hat im Cloud-Bereich generell zu wenig IT-Fachkräfte, aber bei Cloud-Administratoren oder -Architekten ist der Mangel besonders ausge- prägt“, meint Michael Schirmbrand. Ähnliches gilt für Security-Spezialis- ten, da werde sich der Bedarf in den nächsten Jahren sogar verdreifachen. „Das Thema Sicherheit bewegt viele Unternehmen“, so Schirmbrand. „Und mit dem Umstieg ins Homeoffice ist es noch stärker in den Vordergrund getreten.“


Die gesamte IT-Branche hat heute mehr Arbeit als vor der Krise, fasst Koenes zusammen. Es scheint zu stimmen, was Achim Berg im September gesagt hat, der Präsident des deutschen Digitalverbands Bitkom: „Die Pandemie hat einen massiven Digitalisierungsschub ausgelöst – und wird unseren Alltag in jeder Hinsicht digitaler machen.“

„In den vergangenen Monaten wurde Corona-bedingt so viel digitalisiert wie sonst in zehn Jahren.“

Rainer Will

Robert Koenes, Geschäftsführer für IT-Recruiting Iventa

Foto: Iventa

Foto: Stephan Doleschal

Rainer Will, Geschäftsführer vom Handelsverband

In der industriellen Automatisierung werden IT-Fachkräfte händeringend gesucht. Das Gleiche gilt für Cloud-Administratoren und -Architekten.

Foto: Getty Images/Jonathan Kitchen

Bearbeitet: Reinhard Lang

Rechenleistung und Anwendungen werden mehr und mehr über die Weiten des Internets bezogen.

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Richard Neuwirth, Finanzvorstand

bei S & T

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Michael Schirmbrand, IT-Advisory-Partner bei KPMG

Foto: Helge Bauer