Hainburg rückt schon in das Interesse der Projektentwickler. Covid bestärkt auch den Trend der Dezentralisierung.

Größer, grüner, günstiger:

Die Peripherie wird gestärkt

Gastautor Lukas Götzelmann glaubt, dass urbane Randlagen und Kleinstädte neu bewertet werden müssen.


Einhergehend mit den Lockdown-Maßnahmen im Zuge der Corona-Pandemie kam es nicht nur zu einer bewuss- ten Konsumverlagerung hin zu Online-Angeboten, son- dern es wurde auch das größte Homeoffice-Projekt unse- rer Zeit angestoßen. Von Dienstleistungsunternehmen bis Bildungseinrichtungen etablierten dabei zahllose In- stitutionen neue Konzepte der virtuellen Zusammenar- beit und Kommunikation.


Verhaltensänderungen

Nun müssen sich diese Maßnahmen gegenüber den kon- ventionellen Verfahren bewähren und auf ihre Effektivi- tät geprüft werden. In Abhängigkeit davon und mit zu- nehmender Dauer der Pandemie kann jedoch damit ge- rechnet werden, dass die Krise bereits jetzt nachhaltige Verhaltensänderungen bei den Privathaushalten und Un- ternehmen hervorgerufen hat und als Digitalisierungsbe- schleuniger wirkt. So ist eine teilweise Beibehaltung der virtuellen Arbeitsweise auch nach überstandener Pande- mie sehr wahrscheinlich, sollte sich Homeoffice für viele Beschäftigungsgruppen als wirkliche Alternative erwei- sen. Eine aktuelle Untersuchung hat alleine für den ame- rikanischen Arbeitsmarkt herausgefunden, dass rund 37 Prozent aller dortigen Berufe auch adäquat von daheim aus erledigt werden könnten. Hierzulande dürfte sich auf- grund des ähnlich hohen Dienstleistungsanteils von rund 70 Prozent an der Bruttowertschöpfung ein vergleichba- res Bild ergeben.

Halten auch nach der Pandemie mehr Unternehmen an den mobilen Arbeitsmöglichkeiten fest, bedeutet dies für die betroffenen Mitarbeiter eine größere Entscheidungs- freiheit bei der häuslichen Standortwahl. Wird eine per- sönliche Anwesenheit beim Arbeitgeber nämlich nur noch partiell verlangt, sinken die Distanzkosten zwischen Wohn- und Arbeitsort. Gleichzeitig steigen die Relevanz einer eigenen Büro- und Arbeitsfläche und der Bedarf nach zusätzlichem Wohnraum, sodass Randbezirke und periphere Stadtlagen aufgrund ihrer günstigeren Boden- preise an Attraktivität gewinnen. Dabei würde ein zuneh- mender Online-Handel diese Entwicklung ebenfalls be- günstigen, wenn das Angebot und die Nachfrage für im- mer mehr Konsumprodukte vom Standort losgelöst werden.


Neubewertung der Standortfaktoren

Neben den städtischen Rändern könnten auch kleinere Städte eine Aufwertung erleben, wenn es zu sinkenden Distanzkosten bei der Wohnortwahl kommt. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Kleinstadt Montabaur, die seit der ICE-Anbindung im Jahr 2002 nicht mehr schrumpft, son- dern Nettozuwanderung und Unternehmensansiedlungen verzeichnet. Was für Montabaur die ICE-Anbindung aus- gelöst hat, könnte für andere Gebiete nun ein neues Ar- beits- und Konsumverhalten sein.


Hinzu kommt, dass die aktuelle Krise auch eine anhalten- de Sensibilisierung bei den Sicherheits-, Natur- und Wohnbedürfnissen bewirken dürfte. Eine relativ höhere Populationsdichte, mehr Reiseverkehr, überfüllte U- und S-Bahnen, kleinere Wohneinheiten und fehlende Grünflä- chen bilden in der jetzigen Situation besonders für die Einwohner von Metropolen eine fundamentale Herausfor- derung und psychologische Belastungsprobe. In weniger dicht besiedelten Randgebieten oder Kleinstädten hinge- gen lässt sich der Wunsch nach mehr Abstand, Natur und Freiraum zumeist deutlich besser und langfristig auch günstiger erreichen. Eine Neubewertung der Haushalts- bedürfnisse und der damit verbundenen Standortfaktoren scheint deshalb ebenfalls plausibel.


Neue Chancen

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Die aktuelle Co- rona-Krise könnte insbesondere in den Bereichen Kon- sum und Arbeit zu dauerhaften Verhaltensänderungen und einer verstärkten Implementierung von Online-Kon- zepten führen. Zusätzlich ist eine steigende Präferenz für mehr Sicherheit, Freiraum und Wohnfläche im Zuge der aktuellen Pandemie gut denkbar. Dies würde langfristig zu einer relativen Stärkung der städtischen Ränder und einer dezentraleren Stadtentwicklung führen. Auch eine Aufwertung von kleineren Städten scheint nicht abwegig, wenn es beim Arbeitsstandort zu sinkenden Zeit- und Transportkosten kommt, wie das Beispiel Montabaur zeigt. Für den Immobilienmarkt könnte dies vor allem im Wohnsegment vielseitige und neue Chancen eröffnen. Ein guter Anfang wäre dabei eine Orientierung an den drei Gs „größer, grüner und günstiger“.

Über DEN Autor

Lukas Götzelmann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der EBS Universität für Wirtschaft und Recht. Der Text spiegelt seine persönliche These wider und ist Teil einer Hypothesensammlung, die in einer Kooperation zwischen der EBS Universität für Wirtschaft und Recht und Savills unter dem Titel „Covid-19-Pandemie: Langfristimplikationen für die Immobilienmärkte“ erstellt wurde.