© Manfred Seidl

Ausgangspunkt für Nikolaus Gansterers „Libra“ im Justizzentrum Korneuburg war die Frage, wie sich das komplexe Miteinander sozialer Zwischenräume abbilden lässt. Entstanden ist ein räumliches Mobile im großen überdachten Atrium, dessen Elemente sich durch Luftströme und Solarenergie bewegen, immer wieder in ein Gleichgewicht zurückfinden und so auch das Prinzip der Waagschale als Sinnbild Justitias reflektieren.

Poesie

der Räume

Immobilien:

Zahlen, Renditen, Beton.

Kunst:

Gesellschaftskritik, Gefühl, Diskussion.

Kunst am Bau:

beides.

Ein Vorhang mit Funktion – das textile Kunstwerk von Gilbert Bretterbauer spielt nicht nur mit dem Licht, es trennt auch  den Sportbereich in dem Uni- Gebäude vom Rest ab. © Iris Ranzinger

Die „Zerknitterte Wand“ von Karl-Heinz Klopf am BG/BRG Kufstein ist ein beeindruckendes Beispiel für die von BIG ART angestrebte Symbiose von Kunst und Architektur: Die vor die Fassade gehängte Wand, die auch als Beschattungselement dient, konnte von Anfang an und in enger Zusammenarbeit mit Architekt Johannes Wiesflecker mit dem Erweiterungsbau mitwachsen. © David Schreyer

Es ist ein Missverständnis. Kunst am Bau ist kein Graf- fiti-Kritzikratzi zwischen Mischmaschine und Scha- lungsplatten. Nein, mit dem Bauen selbst hat diese Kunstform kaum was zu tun, es sind vielmehr Kunst- werke, die sich mit einem Gebäude, dem Inhalt oder den Menschen in dem Gebäude auseinandersetzen, die Architektur ergänzen oder einen Kontrapunkt setzen. Oder wie es der Künstler Friedrich Biedermann formu- liert: „Kunst am Bau, also Kunstinterventionen im öf- fentlichen Raum, ist für mich mittlerweile etwas Na- türliches – damit meine ich, dass sich gute Kunst im öffentlichen Raum in den Ort eingliedert und gleich- zeitig einen Moment des Verblüffens oder Staunens erzeugt.“


Lebendiger, toter Baum

Im gerade entstehenden Vivarium in Wien wird dieser Aspekt besonders augenscheinlich. Mark Dion, ein in- ternational erfolgreicher US-amerikanischer Künstler, der sich in seinen Arbeiten oft mit Natur und der Re- präsentation von Natur auseinandersetzt, hat für das Foyer des Biologiezentrums der Universität Wien ein Vivarium, ein Schauterrarium, konzipiert. In einer Art Gewächshaus ruht ein aus dem Ökosystem der Bau- stelle entfernter Baumstamm, der in das universitäre Forschungsumfeld transferiert wird. Die künstlerische Arbeit schafft damit eine Verbindung von Innen und Außen, von der Vergangenheit des städtebaulichen Umfelds und der Gegenwart der wissenschaftlichen Einrichtung. Der Baum ist zugleich tot und lebendig – nicht mehr Natur, vielmehr Repräsentation von Natur.


Oft wird in der Kunst am Bau auch mit Licht gearbeitet – ebenso ein Aspekt, der Natur mit Immobilie verbin- det. Aktuell fertiggestellt wurde etwa das textile Kunstwerk „Farbräume, Segel“ von Gilbert Bretterbau- er für die neue Kepler Hall am Campus der JKU Linz. Der Vorhang, der sowohl die gesamte Fassade ein- rahmt als auch im Innenraum den Sportbereich ab- trennt, variiert das Grundmaß der Fenster in Farben, spaltet es geometrisch auf und belebt damit das ele- gante und schlichte Bauwerk. Eine andere Art, mit Licht künstlerisch umzugehen, hat Friedrich Bieder- mann in der Wiener Kanzlei von nhp Rechtsanwälte umgesetzt. Strahlenstränge scheinen sich durch die ge- samten Büroräumlichkeiten zu ziehen, hie und da kommen sie filigran wie Rauchschwaden aus der De- cke heraus, dann bündeln sie sich zu kräftigen Lichtli- nien und füllen skulptural den Platz im Stiegenhaus. Wer hier vorbeigeht, kann die Kunst nicht ignorieren.


Und genau das soll auch passieren. Die Kunst muss nicht gefallen – kann sie ja auch nicht jedem. Auch der Bauherr muss sie nicht gut finden. „Als Bundesimmobi- liengesellschaft ist es uns wichtig, dass sich die Kunst – am Bau – frei entwickelt und niemals als Accessoire der Architektur instrumentalisiert wird“, formuliert Hans-Peter Weiss, CEO der Bundesimmobiliengesell- schaft (BIG), ein eisernes Prinzip. Weiss weiter: „Selbst- verständlich folgt die Kunst anderen Gesetzmäßigkei- ten als die wesentlichen strategischen Zielsetzungen in unserem Konzern – sie eröffnet uns aber immer wie- der alternative Denk- und Handlungsspielräume, die uns helfen, neue Ideen zu generieren.“ Kunst soll anre- gen. Ja, darf auch aufregen. Bei einem Projekt mit der „Neuen Heimat Tirol“ realisierte Friedrich Biedermann Skulpturen im Außenraum. „Da entstanden tolle Dis- kussionen“, erzählt Biedermann, „manche hinterfrag- ten, was es mit der Skulptur auf sich hat, waren begeis- tert und freuten sich einfach über das Kunstwerk und Landmark. Bei anderen führte die Anwesenheit von Kunst zur Irritation. Im Grunde entstand dadurch ein Raum auf der Suche nach Verständnis. Diese Art der Auseinandersetzung birgt etwas Ehrliches in sich.“


Öffentliche Gebäude sind ideal

Gerade deswegen fühlt sich die BIG auch so wohl bei dem Thema. Seit 15 Jahren realisiert die BIG Kunstpro- jekte unter der Überschrift BIG ART. BIG ART bringt Kunst zu den Menschen, die in der Stadt leben, die in den BIG-Gebäuden ein- und ausgehen oder einfach nur daran vorbeigehen. „Ein großer Schwerpunkt der BIG- ART-Projekte liegt auf Bildungsbauten. Welche Orte könnten besser geeignet sein, um Fantasie und geistige Offenheit in den Alltag zu integrieren und ein aufmerk- sames und sensibles Bewusstsein für unsere Umge- bung zu formen?“, so BIG-Chef Hans-Peter Weiss. Aber auch sonst ist das Unternehmen prädestiniert, denn die Gebäude der BIG werden tagtäglich von mehr als 500.000 Menschen wahrgenommen, durchschritten, zum Wohnen, Lernen, Studieren oder Arbeiten ge- nutzt. Für die Kunstwerke gibt es dabei keine Grenzen: Von innenliegenden Wandarbeiten, Reliefs, aber auch benutzbaren Skulpturen bis zu Fassadengestaltungen, Wasserspielen, Lichtarbeiten, künstlerischen Filmen oder ephemeren Arbeiten kann alles gedacht werden, was der Funktion des Gebäudes nicht entgegensteht. Wichtig sei, dass die Kunstprojekte eine starke Aussa- ge haben, eine poetische Ausstrahlung, dass sie mehr- deutig sind und sich auf Dauer im (halb-)öffentlichen Raum behaupten können.



Mobile Kunst: In diesem Fall ging der „Light Path“ von Biedermann auf Reisen, innerhalb einer Minute wird im Inneren des LKWs der reale Verlauf des natürlichen Lichts imitiert – 24 Stunden innerhalb einer Minute. Die Band Sofa Surfers komponierte analog dazu den Sound.

©friedrichbiedermann.com

Mobile Kunst: In diesem Fall ging der „Light Path“ von Biedermann auf Reisen, innerhalb einer Minute wird im Inneren des LKWs der reale Verlauf des natürlichen Lichts imitiert – 24 Stunden innerhalb einer Minute. Die Band Sofa Surfers komponierte analog dazu den Sound.

©friedrichbiedermann.com

Für LIV Immobilien hat Friedrich Biedermann ein ähnlich imposantes Lichtwerk umgesetzt wie in den Büroräumlichkeiten einer Wiener Rechtsanwaltskanzlei.

©friedrichbiedermann.com