© Herta Hurnaus

Der

furiose

letzte

Satz

Die Wiener Musikuni zählt zur absoluten Weltspitze. Nun hat sie ein entsprechendes Gebäude als Erweiterung bekommen.

Ein gänzlich ungewöhnliches Immobilienprojekt: Die Bundesimmobiliengesellschaft stellte mit dem Future Art Lab ein virtuoses Werk ans Ende des Campus der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien.

In Beethovens Violinsonate Nr. 9, der Kreutzer-Sonate, treffen zwei gar unterschiedliche Instrumente aufeinan- der: eine Violine und ein Klavier. Sie streiten und versöh- nen sich, halten sich zurück und preschen plötzlich vor, spielen sich kontrastreich auseinander und verschmelzen dann wieder zu einem Ganzen.


Das neueste Gebäude am Campus der mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien, nennt sich Fu- ture Art Lab und liegt zwischen der Ungargasse und der Rechten Bahngasse. Spaziert man durch oder um das Ge- bäude, eröffnen sich mit jedem Schritt neue Blickwinkel, mal geschmeidig rund, mal spannend kontroversiell. Hier furios, da lieblich schön. Die Räume sind in sich ver- schränkt und verschlungen, Ebenen vermischen sich, überall setzt Tageslicht variable Akzente und in der Mitte steigt ein metallic-violett-färbiger Kubus über zwei Ge- schosse empor und bildet einen Kontrast zum sonst prak- tizierten Sichtbeton.


Absolut schallsichere Räume

Die Nutzer des außergewöhnlichen Gebäudes sind vielfäl- tig: Die Wiener Filmakademie hat in der Immobilie eben- so ihr neues Zuhause wie das Institut für Konzertfach Kla- vier und das Institut für Komposition, Elektroakustik und TonmeisterInnen-Ausbildung. Studierende der Kammer- musik und Alten Musik nützen die neuen Räumlichkeiten genauso wie das neue Artistic Research Center (ARC). Dementsprechend multifunktional sind die Räumlichkei- ten, dementsprechend hochkarätig ist die Technik.


Der zentrale Kubus beherbergt einen Aufnahmesaal und das Klangtheater – ein Konzert-, Forschungs-, Experimen- tier- und Proberaum insbesondere für elektrische Musik und Live-Elektronik. Hier kann richtig aufgegeigt werden – ohne dass die anderen gestört werden. „Ein Betonwürfel in einem Betonwürfel“, beschreibt der verantwortliche Projektleiter der Bundesimmobiliengesellschaft (BIG), Thomas Breitsching, die Sonderkonstruktion.


Absolute Schallsicherheit

Die Betonbodenplatte schwimmt akustisch getrennt vom restlichen Gebäude auf Sylomerplatten, seitlich und über der Decke machen eine Dämmung und Luft und danach wieder ein Betonwürfel die Räume absolut schallsicher. Um die Aufführungen und Aufnahmen nicht zu stören, sind extra große Lüftungsauslässe installiert. „Die Luft muss möglichst langsam und auf möglichst viel Fläche einströmen“, erklärt Breitsching. Die Haustechnik dafür ist im untersten Geschoss untergebracht und braucht die Fläche eines mittelgroßen Turnsaals. Beinahe selbstver- ständlich wirken in so einem durchdachten Bau die nach- haltigen Energie- und Klimaschutzmaßnahmen: Geother- mie zur Unterstützung der Heizung und Kühlung, Abwär- menutzung und Wärmerückgewinnung, Bauteilaktivie- rung, Nachtkühlung und energiesparende Beleuchtungs- konzepte – eh klar.


Platz unter der Erde

Als wäre das alles nicht schon genug, verfügt das Haus zusätzlich zum Klangtheater und dem Aufnahmesaal, di- versen Büros, Bibliotheken und Musikzimmern über ei- nen Konzertsaal mit 100 Plätzen und ein Arthouse-Kino. Hier können von den Studierenden Filme direkt auf der großen Leinwand bearbeitet werden. Hightech auch beim Sound: 45 Lautsprecher in Dolby-Atmos-Qualität und selbst hinter der Leinwand lassen jeden kommerziellen Kinobetreiber in Österreich neidisch werden. Werden kei- ne Filme gezeigt oder bearbeitet, strahlt auch hier Tages- licht durch die Oberlichten und es können Vorlesungen gehalten werden.


Und wie bitte passt das alles plus mehr (etwa Aufzüge für Konzertflügel) in dieses Gebäude? Die Antwort liegt unter der Erde. 12 Meter des insgesamt 30 Meter hohen Hauses befinden sich unter dem Nullniveau. Ein versenkter In- nenhof stellt sicher, dass es auch auf den Schnitt- und Re- giepulten im Keller Tageslicht gibt.


Konzertiertes Zusammenspiel

Ein so elaboriertes Gebäude braucht ein orchestrales Zu- sammenwirken: eine intelligente Planung (kommt von Pi- chler & Traupmann Architekten), eine funktionierende Steuerung (die BIG als Bauherr und Projektmanager mit einem entsprechenden Budget – 24 Millionen Euro für 6.200 Quadratmeter Nettoraumfläche) und kompetente ausführende Firmen. Die ocker-gold schimmernde Fassade, die wiederum einen Gegenpol zu den glatt-grauen Innen- wänden darstellt, wurde von einem Tochterunternehmen der Strabag geschaffen – solche Aufträge erfreuen nur we- nige Unternehmen, zu schwierig ist die Herstellung der verdrehten Aluminiumverbundplatten. Eine die Haupttrep- pe tragende, sich zu einem S windende Stiegenwange aus Beton konnte dank fachkundigem Polier der Granit Bau realisiert werden – er war schon für die Betonarbeiten beim Bau des Zaha-Hadid-Gebäudes am WU Campus zu- ständig. Wenn so ein Team gut gestimmt ist und richtig zu- sammenspielt, dann klappt es auch mit der Bauzeit: In 1,5 Jahren stand das Raumschiff da und ist jetzt sicherlich der modernste Teil des Campus und der letzte große Baustein in der umfassenden Sanierung des Areals.


Die virtuose, expressive und zugleich liebliche Kreutzer sonate galt lange Zeit als unspielbar. Nun wurde sie gebaut.

© Herta Hurnaus

Filme können im eigenen Arthouse-Kino direkt an der Leinwand bearbeitet werden.

Die optimale Akustik bestimmt den Aufnahmesaal: Die Holzpaneele seitlich und an der Decke sind millimetergenau angepasst, der Raum ist 9,6 Meter hoch. Eine doppelschalige Betonhülle verhindert, dass sich Schallemissionen von einem äußeren Raum auf den Saal übertragen.

© Herta Hurnaus

ÜBER DIE MDW

Die mdw – Universität für Musik und darstellende Kunst Wien ist die größte Musikuniversität weltweit und die erste österreichische Universität, die in einem weltweiten Universitätsranking den ersten Platz erreichen konnte (2019 gemeinsam mit der New Yorker Juilliard School).

Die schützenden Lamellen falten sich auf und werden an der Gebäuderückseite zu waagrechten Fassadenelementen.

© Heimo Rollett