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Vizerektor Kurt Matyas

Heute bin ich froh, dass ich kein Pilot geworden bin ...

Ao. Univ.-Prof. Dipl.-Ing. Dr. techn. Kurt Matyas ist seit Oktober 2015 als Vizerektor für den Bereich Studium und Lehre an der TU Wien zuständig. Im Gespräch erzählt er über seinen Werdegang, über mögliche Karrierewege für Studierende, und zeigt die Chancen am Arbeitsmarkt für Absolventinnen und Absolventen auf.

Dr. Matyas, Ihr persönlicher Karriereweg ist immer eng verbunden mit dem universitären Bereich, mit Wissenschaft, Forschung und Lehre. Hatten Sie das so geplant?

Kurt Matyas: Es hat sich so ergeben. Ich habe einfach jede sich mir anbietende Gelegenheit genutzt. Ich wollte immer ins Ausland und deshalb habe ich beispielsweise einige Monate am CERN (Europäische Organisation für Kernforschung) in der Schweiz verbracht. Das hat mich fasziniert. Nach dem Studium Wirtschaftsingenieurwesen-Maschinenbau habe ich dann eine Familie gegründet und bekam eine Assistentenstelle an der TU Wien. Meine Fachbereiche sind Produktions- und Logistikmanagement. Ich wollte gerne eine Dissertation machen, und weil das Umfeld gepasst hat – es gab die Möglichkeit der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft bei Industrieprojekten – und ich damals auch die entsprechende Chance bekam, bin ich an der Uni geblieben. Es gab immer wieder neue und interessante Projekte, für die ich meine Kontakte zur Industrie nutzen konnte, und die zu meiner wissenschaftlichen Arbeit sehr gut gepasst haben. Seit Oktober 2015 bin ich als Vizerektor tätig. Trotzdem halte ich Vorlesungen und bin beispielsweise auch noch Koordinator für zwei Forschungsprojekte.

Muss man sich als Studierender an der TU Wien schon während des Studiums entscheiden zwischen Wissenschaft und Wirtschaft?

Kurt Matyas: Nein, absolut nicht! Mit einer Ausbildung an der TU Wien kann man beides machen. Die Studierenden bekommen bei uns eine methodenorientierte Ausbildung. Absolventinnen und Absolventen können sowohl im wissenschaftlichen Bereich als auch in der Wirtschaft erfolgreich sein. Unser Studienangebot und die Lehre haben zudem auch international einen sehr guten Ruf. Absolventinnen und Absolventen der TU Wien werden gerne eingestellt.

Sie haben die methodenorientierte Ausbildung angesprochen. Wie sieht es mit der sozialen Kompetenz aus? Gibt es ein Angebot für Studierende an der TU, um auch in diesem Bereich fit zu werden?

Kurt Matyas: Soziale Intelligenz und soziale Kompetenz sind im Berufsleben das Um und Auf. Ich denke, dass wir unseren Studierenden in diesem Bereich durchaus noch mehr mitgeben können. Wir befinden uns im Moment noch in einem Ideenfindungsprozess. Die bisherigen Gespräche haben allerdings ergeben, dass wir an der TU „Technik für Menschen“ vermitteln wollen. Es muss in jedem Studienplan eine Lehrveranstaltung enthalten sein, die sich mit Ethik, Technikfolgenabschätzung oder beispielsweise Gender, Diversity etc. auseinandersetzt. Derzeit sind zehn Prozent der Fächer frei wählbar, wir könnten das Transferable-Skill- Angebot allerdings noch ausbauen. Denn Fakt ist, was man nicht beim Studium lernt, kostet später in extra gebuchten Seminaren sehr viel Geld.

Gibt es eine Möglichkeit für Studierende, bereits vor Abschluss ihres Studiums in Kontakt mit der Wirtschaft zu kommen? Beispielsweise bei Diplomarbeiten?

Kurt Matyas: Die TU Wien arbeitet sehr eng mit der Wirtschaft zusammen. Wir generieren unter anderem Drittmittel aus der Auftragsforschung. Studierende kommen immer wieder und fragen nach, ob es Themen für Diplomarbeiten gibt, die für die Unternehmenspartner der TU interessant sein könnten. Daraus entsteht meist eine Win-win-Situation. Studierende erweitern mit Diplomarbeiten, die mit einem praktischen Teil in einem Unternehmen gekoppelt sind, nicht nur den Horizont, sondern auch ihren Marktwert als Absolventinnen und Absolventen. Die Unternehmen haben umgekehrt die Chance, noch vor Abschluss des Studiums die besten Köpfe für sich zu interessieren. Darüber hinaus binden wir Studierende selbstverständlich immer wieder in Forschungsprojekte ein.

Kann die TU aufgrund der Zusammenarbeit mit der Wirtschaft die Qualität von Studium und Lehre auch in Zukunft – Stichwort Industrie 4.0 – sicherstellen?

Kurt Matyas: Ein Aspekt ist, dass die Inhalte der Studien immer aktuell ge- halten werden. Andererseits wollen wir natürlich auch die Lehre stetig ver- bessern. Die TU Wien möchte nicht nur dafür bekannt sein, was hier gelehrt wird, sondern auch dafür, wie hier Wissen vermittelt wird.

Wir passen uns nicht jedem Modetrend an und konzipieren sofort eine neue Studienrichtung. Im Zusammenhang mit Industrie 4.0 haben wir deshalb zuerst eine Plattform gegründet, um herauszufinden, wie wir uns mitein- bringen können. Das Thema Digitalisierung hat letztlich dazu geführt, dass die Fakultäten und Institute auch interdisziplinär jetzt viel mehr zusammen- arbeiten, als dies früher der Fall war. Nur auf einen Zug aufzuspringen oder einem Stichwort zu folgen, wäre meiner Meinung nach zu wenig.

Wie wichtig ist Auslandserfahrung für Absolventinnen und Absolventen? Muss man flexibel sein, um seinen Traumjob zu bekommen, und dafür auch ins Aus- land gehen?

Kurt Matyas: Ich empfehle allen, noch während des Studiums ein Auslands- semester zu machen. Es geht darum, seinen Horizont zu erweitern und auch darum, eine andere Universität, andere Menschen kennenzulernen und Erfahrungen zu sammeln. Es hängt immer auch vom Studienfach ab, ob man seinen Traumjob bekommt, oder nicht. Grundsätzlich sind die Chan- cen am Jobmarkt in Österreich für Absolventinnen und Absolventen der TU Wien aber sehr gut. Und unsere Wirtschaft braucht diese klugen Köpfe!

Wer seine Karriere startet, sollte unbedingt auch die Bereitschaft zur Mobi- lität mitbringen. Denn gerade in internationalen Konzernen ist eine Aus- landserfahrung eine wichtige Voraussetzung, um innerhalb des Unterneh- mens erfolgreich zu sein. Wir wissen, dass ein Großteil der Absolventinnen und Absolventen der TU in Österreich arbeiten. Und wir haben etwa 30 Pro- zent internationale Studierende, die nach ihrem Abschluss teilweise eben- falls hier in Österreich bleiben. Wir haben übrigens vor kurzem in Zusam- menarbeit mit anderen Universitäten und Unternehmen ein „AbsolventIn- nen-Tracking“ gestartet, das uns – selbstverständlich anonymisiert – in dieser Frage noch detailliertere Daten liefern soll.

Wie wichtig ist Weiterbildung nach dem Studium?

Kurt Matyas: Ich empfehle, nach dem Studium zuerst entweder in die Wirt- schaft zu gehen oder – falls eine Dissertation und eventuell später eine wissenschaftliche Laufbahn angestrebt wird – an der Universität zu blei- ben, um Erfahrungen zu sammeln. Anschließend greift man vielleicht einen Aspekt, der besonders interessant scheint, heraus, und bildet sich in diesem Spezialbereich bzw. in Bereichen, die bisher im Studium oder Berufsleben zu kurz gekommen sind, weiter. Entsprechende Weiterbildungsangebote gibt es auch an der TU Wien durch das Continuing Education Center (CEC). Ich halte nichts von dieser Titel-Sammlerei, die einige betreiben. Denn es geht im Job nicht darum, welche akademischen Grade vor oder nach einem Namen stehen – es geht um die Inhalte und den Menschen.

Gibt es im Berufsalltag Standesdünkel? Wie funktioniert die Zusammenarbeit der Absolventinnen und Absolventen mit Menschen, die keine akademische Ausbil- dung haben?

Kurt Matyas: Absolventinnen und Absolventen haben an der Uni eine theo- retische Berufsvorbildung bekommen und treffen im Job selbstverständlich auf Menschen mit viel praktischer Erfahrung. Ich denke, das ist ein zwi- schenmenschlicher Prozess, der hier abläuft, und die Zusammenarbeit kann sehr gut funktionieren. Wichtig sind der gegenseitige Respekt und die Be- reitschaft, das Wissen und die Erfahrung seines Gegenübers zu schätzen. Unabhängig davon, ob diese akademisch oder praktisch sind. Es geht um Teamarbeit.

Sollte man einfach studieren, was man will?

Kurt Matyas: Studierende haben eine ganz eigene Vorstellung davon, wie sie ihr Berufsleben gestalten möchten. Ich wollte beispielsweise unbedingt Pi- lot werden. Dann habe ich einen unglaublich interessanten Vortrag eines Professors für Maschinenbau hier an der TU gehört. Anschließend habe ich beschlossen, Maschinenbau zu studieren, und ich habe es nie bereut.

Ich halte die Studieneingangsphase für sehr wichtig, weil sie aufzeigt, was an Inhalten und Schwierigkeitsgrad beim Studium auf einen zukommt, und auch aufzeigt, ob und welche Jobaussichten es gibt. Allerdings – wenn je- mand wirklich für ein Studium „brennt“, dann wird man diesen Menschen nicht für eine andere Fachrichtung begeistern können. Das Wichtigste ist die Freude am Studium. Dann wird man auch erfolgreich sein. Und ein be- stimmtes Studienfach nur deshalb zu wählen, weil man damit vielleicht gute Jobaussichten hat, bringt dann meist auch nicht den gewünschten Er- folg.

Empfehlen Sie Studierenden, die TUday17 zu besuchen, und warum?

Kurt Matyas: Ja, die Studierenden sollten die TUday unbedingt für sich nut- zen! Es ist wesentlich einfacher, an einem Messestand ins Gespräch zu kommen, als sich irgendwo schriftlich zu bewerben. Hinzu kommt, dass die TUday in einem vertrauten Umfeld – im Freihaus – stattfindet. Da kann man ganz unkompliziert zwischen den Vorlesungen vorbeigehen und dabei vielleicht sogar Unternehmen entdecken, die man davor noch nicht auf sei- nem Unternehmens-Radar für den künftigen Arbeitgeber hatte. Und dank der vorbereitenden Workshops und Trainingsangebote im TU CareerCenter, die im Vorfeld zur Messe organisiert werden, werden unsere Studierenden sicherlich den allerbesten Eindruck bei den Unternehmen hinterlassen.