Alles digital!

Oder?

„Die digitale Entwicklung kann die physische Arbeit eines Technikers vor Ort nicht ersetzen, jedoch unterstützen.“

Foto: FH OÖ

Die Digitalisierung hat in vielen Bereichen unseres Lebens bereits Einzug gehalten. So auch am FH OÖ Campus Steyr. In Lehre, Forschung und Entwicklung oder in Studi- enprojekten – überall findet man sie.

Einen Streifzug gestatten Ihnen das von Professor Herbert Jodlbauer erst kürzlich erschienene Buch, die Untersuchungsergebnisse des DBM-Studenten Martin Moravec oder die Forschungsprojekte zum Thema „Technostress“.


Vom Pferdemist zur digitalen Transformation

London im Jahre 1894. Die Zeitung „The Times“ sagt voraus, dass bis 1950 die Straßen der Innenstadt mit einer drei Meter hohen Mistschicht bedeckt sein werden. 1898 tagte in New York eine internationale Konferenz zur Lösung des Problems. Bereits nach drei Tagen wurde diese ergebnislos abgebrochen. Mit dem Aufkommen des Automobils, das sehr schnell auch für den Transportbe- reich entdeckt wurde, löste sich das Problem innerhalb kürzester Zeit von selbst. Auch heutzutage wird das Auto als ein großer belastender Faktor für unsere Umwelt gesehen, welches damals die Welt vor dem Ersticken in Pferde- mist rettete. Die Suche nach Lösungen für den umweltschädigenden CO2-Aus- stoß bringt nunmehr eine Wende für die Automobilbranche.

Für Dr. Herbert Jodlbauer, Studiengangsleiter und renommierter Forscher für Produktionswirtschaft, ist dies nur eines von vielen Beispielen, wie sich eine technologische Entwicklung auf sämtliche Lebensbereiche des Menschen auswirken kann.

Er macht in seinem Buch „Digitale Transformation der Wertschöpfung“ die Themen Big Data, Advanced Analytics, Internet der Dinge oder Industrie 4.0 nachvollziehbar.

Intelligente Komponenten oder digitale Dienstleistungen verdrängen oder er- setzen vermehrt physische Produkte und klassische Dienstleistungen etablier- ter Anbieter. Jodlbauer sieht den Schlüssel zum Erfolg in der strategiegeleite- ten Anwendung und Verwertung dieser neuen Technologien: „Momentan erle- ben wir eine Verschmelzung der physischen mit der virtuellen Welt.“

Ein bekanntes Beispiel für die erfolgreiche Nutzung digitaler Ressourcen ist die Firma Beiersdorf, die durch die Auswertung von Social Media, Fotos und Videos samt dazugehörigen Postings festgestellt hat, dass ein Deo, das zu kei- nem weißgrauen Rückstand in der Kleidung unter der Achsel führt, hohe Marktchancen hat. Kurze Zeit nach diesem Erkenntnisgewinn brachte Beiers- dorf höchst erfolgreich „Nivea Invisible for Black and White“ auf den Markt. Auch Tata Motors analysiert vier Millionen Texte pro Monat und kombiniert dies mit Kundenzufriedenheitsanalysen, um Verbesserungen im Wertschöp- fungsprozess zu finden.

Sein Buch erschien letztes Jahr – als bereits drittes binnen zwei Jahren – im Kohlhammer Verlag.

Bei der Hausbaumesse „Bauen & Energie“ untersuchte Martin Moravec die Informationsquali- tät von Hausbauplänen mit Virtual Reality.

Foto: FH OÖ

Digital-Business-Student untersucht den Einsatz von Virtual Reality in der Architekturbranche

Nicht nur die Wertschöpfung befindet sich in der Transformation. Auch in der Hausplanung helfen digitale Entwicklungen, Ansichtspläne greifbarer zu ge- stalten. Viele Häuslbauer können sich unter dem vom Architekten vorgelegten Plan ihres zukünftigen Hauses wenig vorstellen. Virtuelle Begehungen der künftigen eigenen vier Wände bieten einen höheren Spaß- und Coolnessfaktor, erhöhen die Informationsqualität und fördern so die Kaufabsicht der Kunden. Diese Befunde zeigt eine von Martin Moravec durchgeführte Studie im Zuge seiner Masterarbeit für den Studiengang Digital Business Management an der FH OÖ Fakultät für Management.

„Architekten und Bauunternehmer, die Virtual Reality zur Präsentation ihrer Hauspläne nützen, bieten dem Kunden dadurch einen Mehrwert. Und das er- höht ihre Wirtschaftlichkeit und macht sie wettbewerbsfähiger“, ist Martin Mo- ravec, Student des Studiengangs Digital Business Management am FH OÖ Campus Steyr, überzeugt.

Diese Ergebnisse konnte Moravec mittels einer Stichprobenuntersuchung, welche er bei der Hausbaumesse „Bauen & Energie“ in Wien durchführte, ge- winnen: „Ich konnte bei rund 80 Probanden die Informationsqualität von Haus- plänen in 3D im Vergleich zur virtuellen Visualisierung überprüfen“, erläutert der 24-jährige, aus Seewalchen am Attersee stammende Student.


Verständnis erhöht Kaufabsicht

Neben der Qualität der Darstellungsform spielen außerdem noch der Spaßfak- tor und das Verständnis für die Technologie eine entscheidende Rolle. So konnte Moravec feststellen, dass sich die Technologieaffinität einer Person auf das Verständnis und somit letztendlich auch auf die Kaufentscheidung auswir- ke: „Diese Aussage kann für beide Darstellungsformen (3D und VR) getroffen werden. Jedoch konnten bei der virtuellen Begehung eines Hauses tendenziell ein besseres Verständnis und eine bessere Benutzerfreundlichkeit als bei der 3D- Variante festgestellt werden.“


Zukunftspläne

Mit Ende dieses Semesters sagt Moravec dem Leben als Student erstmals Le- bewohl. Und jetzt? „Wenn ich auf die Frage nach den Vorstellungen für meine Zukunft eine Antwort geben würde, dann müsste ich sagen, dass ich mir einen Job im Bereich des modernen Projektmanagements, vorzugsweise in der Sportbranche, wünsche“, gestattet sich der Steyrer Absolvent einen Blick in die Zukunft.

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A Workout a Day, keeps TECHNOSTRESS away!

Bei all der digitalen Euphorie birgt die fortlaufende Digitalisierung auch Gefah- ren, wie Befunde mehrerer Studien der Forschungsgruppe rund um FH-Prof. Harald Kindermann und FH-Prof. René Riedl in den letzten Jahren zeigen.

Bei Jugendlichen der sogenannten Generation Z ist der Umgang mit digitaler Technologie etwas Alltägliches. Entspannung suchen sie beim Computerspie- len, beim Schreiben auf WhatsApp bzw. Snapchat oder beim Streamen von Se- rien. Entspannung durch Sport wird vergleichsweise oft vernachlässigt.

Dr. Harald Kindermann ist Professor am Campus Steyr und untersuchte zu diesem Thema 60 SchülerInnen im Alter zwischen 16 und 19 Jahren. Er konn- te anhand eines wissenschaftlichen Experiments nachweisen, dass bei Schü- lern und Studierenden sportliche Aktivitäten, die unmittelbar nach einer Lern- phase ausgeübt werden, die Merkfähigkeit deutlich verbessern. Resultat: Be- wegung hilft beim Lernen und reduziert zudem Technostress (Überforderung durch digitale Geräte).

Durch die Messung des Stresshormons Kortisol im Speichel der Probanden und der Anwendung weiterer Tests konnten deutliche Unterschiede in der Merkfähigkeit, je nach gewählter Tätigkeit nach einer Lernphase, nachgewie- sen werden. Bei allen Probanden, die nach dem Lernen am Computer spielten, war ein dramatischer Gedächtnisverlust zu verzeichnen. Gegenteiliges war bei den „Sportlern“ der Fall. Diese Gruppe hatte sich deutlich mehr vom Gelernten gemerkt. Alle die „nichts“ taten, lagen mit ihrer Gedächtnisleistung im Mittel- feld.

„Dass Sport für die körperliche Gesundheit und für das Wohlbefinden wichtig ist, ist ohnehin hinlänglich bekannt. Unmittelbare Auswirkungen auf die Merk- fähigkeit und damit auf den Lernerfolg konnten aber bis dato noch nicht in die- sem Umfang nachgewiesen werden“, erläutert Kindermann.


Mehr Bewusstsein für Technostress in Unternehmen

In einem weiteren Forschungsprojekt am FH OÖ Campus Steyr wird die Frage untersucht, wie und warum Technostress in Unternehmen entsteht und wie Arbeitnehmer damit umgehen: „Wir setzen dabei auf einen Methodenmix aus den verschiedensten Disziplinen wie Psychologie, Neurobiologie und Medizin. Neben Interviews und Befragungen werden wir vor allem Messungen körperli- cher Stresssymptome wie Herzfrequenz oder die Stresssubstanz Kortisol eva- luieren“, erklärt Riedl. „Unsere Forschungen helfen, das Phänomen besser zu verstehen, um wirksame Gegenmaßnahmen zu entwickeln.“

Digitale Transformation

in Unternehmen

Dr. Leopold Gallner, Geschäftsführer

der ekey biometric systems GmbH

im Interview


Schlüssel statt Finger zum Aufsperren einer Türe,

das an sich ist ja schon sehr „digital“, nicht wahr?

Ja, das stimmt, die Transformation „analoger“ Biometriedaten, in unserem Fall der Fingerabdruck, erfolgt digital durch den Fingerscanner und unseren paten- tierten Software-Algorithmus. Das ständige Auf- und Zusperren mit einem Schlüssel ist unbequem. Viel komfortabler und auch sicherer ist es, dies mit dem eigenen einzigartigen Fingerabdruck zu tun.


Haben sich die Anforderungen der Kunden durch die Digitalisierung geändert?

Als Hersteller und Entwickler ist unsere Logistik schon sehr ausgereift, den- noch bieten wir nun seit kurzem unsere Produkte auch über den eigenen On- line-Shop an, mit dem wir sowohl B2C- als auch B2B-Kanäle versorgen.


Haben Sie spezielle Maßnahmen getroffen, um auf den Zug der Digitalisierung aufzuspringen?

Genau für diese Ziele wurden neue Mitarbeiter mit dem nötigen Fachwissen rekrutiert. Ohne ein operativ schlagkräftiges Team sind optimierte Abläufe nicht möglich. Eine Forschungs- und Entwicklungsquote von elf Prozent pro Jahr ist die Grundlage für die Erweiterung und Erneuerung der bestehenden Lösungen. Effizienz und Digitalisierung müssen sich ergänzen.


Welche Chancen sehen Sie für Ihr Produkt im Hinblick auf diesen Trend?

Die Einsatzmöglichkeiten des Fingerprints sind beinahe grenzenlos. Gerade in Verbindung mit anderen Systemen, Stichwort Smart Home, ergeben sich zu- sätzlich neue intelligente Optionen.

Foto: ekey biometric systems GmbH

Digitaler FH OÖ Campus Steyr

Der Standort Steyr gilt als Vorreiter im Bereich „Digitale Transformation“ und hat dazu frühzeitig Lehrinhalte in jedem Studiengang geschaffen und For- schungskompetenz aufgebaut. Heute ist die Digitalisierung eine zentrale unter- nehmerische Herausforderung, welche über die künftige Wettbewerbsfähigkeit entscheidet. Im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung hat Dekan Heimo Losbichler konkrete Vorstellungen: „Die Verdichtung der Ergebnisse aus zahl- reichen Forschungsprojekten an unserem Campus wird die Fakultät weiter als kompetenten Ansprechpartner für Industrie und Wirtschaft stärken. Gleichzei- tig müssen wir uns selbst den Herausforderungen der Digitalisierung und einer neuen Generation von Studierenden stellen.“