Partnerschaft mit Mehrwert

Beim Josef Ressel-Zentrum für innovative Mehrköperdynamik steht neben der mathematischen Modellierung die Entwicklung neuer Methoden zur Ermittlung optimaler Steuerungen im Vordergrund, z. B. die optimale Rundenzeit.

Foto: B. Plank imbilde.at

Neue wissenschaftliche Erkenntnisse zu gewinnen kos- tet Zeit, Ressourcen und Geld. Letzteres kommt zum Teil von Unternehmen. Diese erhalten im Gegenzug an- wendungsorientierte Forschungsergebnisse. Eine Win- win-Situation für alle.

Der Ruf der FH OÖ Wels in puncto Forschung ist herausragend – und wurde heuer durch die Eröffnung zweier neuer Josef Ressel Zentren (JRZ) wieder un- termauert. Das Besondere an diesen Zentren, die von der Christian Doppler Forschungsgesellschaft geführt werden: Geforscht wird gemeinsam mit Un- ternehmen an maßgeschneiderten Projekten. Die Firmen müssen die For- schung finanziell mittragen, profitieren aber dafür direkt von den Forschungs- erkenntnissen.

Die optimale Rundenzeit für Partner KTM

Wie etwa die Firma KTM beim neuen Josef Ressel Zentrum für innovative Mehrkörperdynamik. Der international tätige österreichische Motorrad- und Sportwagenhersteller finanziert mit rund 500.000 Euro das Forschungsbudget für fünf Jahre, die gleich große Summe kommt von der öffentlichen Hand. „Um die konkreten Fragen, die von KTM gestellt werden, zu lösen, steht ein wirklich großes Team aus drei Dissertanten, einem Postdoc, einer FH-Professorin, Di- plomanden und mir selbst zur Verfügung“, erklärt Zentrumsleiter FH-Prof. PD DI Dr. Wolfgang Steiner. Konkret beschäftigt sich das Zentrum mit der Simula- tion komplexer mechanischer Systeme, wie z. B. Rennwagen. Neben der ma- thematischen Modellierung solcher Systeme steht die Entwicklung neuer Me- thoden zur Ermittlung optimaler Steuerungen im Vordergrund – im KTM-Fo- kus ist dabei die optimale Rundenzeit. „Zeitoptimale Steuerung ist ein höchst anspruchsvolles mathematisches Problem“, freut sich Steiner auf die Heraus- forderung. Mithilfe eines Simulationsmodells sollen die Gas- und Bremspedal- stellungen sowie der Lenkwinkel des Fahrzeugs so berechnet werden, dass die Gesamtfahrzeit auf einer Rennstrecke minimiert wird. Darüber hinaus soll un- tersucht werden, inwieweit sich die minimale Rundenzeit durch Variation der System- und Designparameter des Fahrzeuges weiter reduzieren lässt. „Es ist spannend so praxisnah zu forschen“, meint der Zentrumsleiter, „wir haben aber großes Glück, dass unser Partner es uns auch ermöglicht, Grundlagenfor- schung zu betreiben.“

Das größte Josef Ressel Zentrum Österreichs

Was KTM für das JRZ für innovative Mehrkörperdynamik ist, sind FAAC, Engel und Ottronic für das zweite neue Zentrum – nämlich jenes für die thermogra- fische zerstörungsfreie Prüfung von Verbundwerkstoffen, das gar über das doppelte Budget von zwei Millionen Euro verfügt. „Wir haben hiermit das größ- te Josef Ressel Zentrum, das jemals in Österreich genehmigt wurde“, ist Zen- trumsleiter Günther Mayr besonders stolz. Erforscht werden neue Methoden zur zerstörungsfreien Prüfung, da die Qualitätssicherung eine immer wichtige- re Rolle für den technischen Fortschritt im Leichtbau, vor allem für die Luft- fahrt- und Automobilindustrie, wo die Sicherheitsstandards besonders hoch sind, spielt. „Ausgangspunkt ist die Methode der Aktiven Thermografie“, erläu- tert Mayr, „mit der man Fehlstellen in Bauteilen frühzeitig und effizient fest- stellen kann.“

Auch in diesem Zentrum ist man froh, so starke und unterstützende Partner gefunden zu haben – ist es doch in der Praxis gar nicht so einfach, Firmen zu finden, die über einen langen Zeitraum Barmittel zur Verfügung stellen. „Mit dem Hauptpartner des Zentrums, FACC, verbindet uns schon eine langjährige Zusammenarbeit“, betont Mayr. Vor knapp einem Jahr erhielt FACC sogar von Boeing das Zulassungszertifikat, um das innovative Verfahren bei Bauteilprü- fungen anwenden zu dürfen.

Luftfahrt und Automobilindustrie im Fokus

In den kommenden fünf Jahren soll nun die Methode weiterentwickelt wer- den. Mayr: „Sie soll schon begleitend während der Herstellung eingesetzt wer- den, ein Baustein bei der Endkontrolle sowie bei der Instandhaltung sein.“ Die Anwendungspalette soll weggehen von einer reinen Fehlerauffindung hin zu einem bildgebenden Rekonstruktionsverfahren. Und nicht nur die Luftfahrt steht im Zentrum, auch die Automobilindustrie – hier kommen die anderen Partner Engel, ein weltweit tätiger Hersteller von Spritzgießmaschinen, und Ottronic, Anbieter für mechatronische Komplettlösungen – ins Spiel. Zen- trumsleiter Mayr: „In den nächsten fünf Jahren werden wir immer wieder neue Aufgabenstellungen bearbeiten. Unsere Forschungsrichtung ist nicht einge- schränkt, wir können – so die wissenschaftlichen Erkenntnisse es verlangen – neue Richtungen einschlagen.“

Forschungszugang für Kleinunternehmen

Auch abseits der Josef Ressel Zentren wird an der FH OÖ Wels gemeinsam mit Firmen geforscht. Ziel ist es u. a. auch, Klein- und Mittelunternehmen ei- nen Zugang zur Forschung zu ermöglichen. Ein aktuelles Beispiel ist das neue Kompetenzzentrum für Futter- und Lebensmittelsicherheit FFoQSI.

„Unter dem Dach der neuen Forschungseinrichtung werden nicht nur wis- senschaftliche Einrichtungen aus Forschungs- und Universitätsbetrieb ver- eint, auch über 30 Partnerunternehmen sind in das Projekt eingebunden und profitieren so direkt von unseren Forschungserkenntnissen“, beschreibt For- schungsleiter FH-Prof. Dr. Julian Weghuber das Konzept. Einer von ihnen ist Karl Dirnberger, Geschäftsführer der Österreichischen Bergkräutergenossen- schaft in Hirschbach. „Wir arbeiten mit FFoQSI an einem Projekt, das uns die mikrobiologischen Zusammenhänge in der biologischen Kräuterproduktion verstehen lässt“, erklärt dieser. Und freut sich über diese Möglichkeit, Teil ei- nes Forschungsprojekts sein zu können. Dirnberger: „Da wir ein sehr kleines Unternehmen sind, war es uns bisher nicht möglich, mit halbwegs leistbaren Mitteln in die Forschung einzusteigen. Mit FFoQSI besteht für uns die Mög- lichkeit, auf Fragen, die uns schon seit vielen Jahren sehr beschäftigen, hof- fentlich eine Antwort zu finden.“

Das Forscherteam des Josef Ressel Zentrums für thermografische zerstörungsfreie Prü- fung unter der Leitung von DI (FH) Dr. Günther Mayr (5.v.li.).

Foto: B. Plank imbilde.at

Mit Aktiver

Thermografie kann man Fehlstellen in Flugzeugbauteilen frühzeitig und effizi- ent festellen.“

Dr. Günther Mayr, Projektleiter

Research Center Wels


-6 Forschungsschwer- punkte

-Automatisierungstech- nik und Simulationen

-Energie und Umwelt

-Innovations- und

Technologiemanage- ment

-Lebensmittel- und

Biotechnologie

-Mess- und Prüftechnik

-Werkstoff- und

Produktionstechnik

-FuE-Umsatz 2017 FH OÖ gesamt: 19,68 Mio. Euro

-Ca. 45 % der akquirierten F&E-Drittmittel der FH OÖ durch das Research Cen- ter Wels

-232 Forschungsmitarbei- terInnen (Stand Juli 2018)

-76 ProfessorInnen, 156 wissenschaftliche Mitar- beiterInnen

-177 Forschungsprojekte an der FH OÖ Fakultät Wels im Jahr 2017

-2 abgeschlossene Disser- tationen an der FH OÖ Fa- kultät Wels im Jahr